Die Retro-Barriere

Wo bleiben die Ideen?

Wo ist das erste ohne menschlichen Input geschriebene Bestsellerbuch, wo das erste revolutionäre Erfolgsunternehmen, dessen Geschäftsidee vollständig aus der KI stammt, wo sind die neuen, nützlichen Erfindungen, die eine KI eigenständig entwickelt hat? Originalität ist etwas, das für die KI unerreichbar ist. Sicher können KI-Tools verwendet werden, um diese Ziele zu erreichen, um effizienter zu arbeiten, aber eine neue Idee, einen ursprünglichen Impuls kann man von ihr nicht erwarten. Durch die Leistungen beim Falten von Proteinen haben KIs etwa die Grundlage für eine Revolution in der Pharmazeutik gelegt, wird hier oft als Gegenbeweis angeführt. Wie gesagt – beeindruckende Werkzeuge, um vorgegebene Aufgaben zu bearbeiten. Aber der Wert der Arbeitsleistung von KI liegt immer in der Art der Trainingsdaten – neuronale Systeme können Daten einlesen, Zusammenhänge herstellen, Daten bearbeiten und neu zusammenstellen. Aber diese in den Trainingsdaten fundierte Natur der KIs ist zugleich Stärke wie auch natürliche Grenze.

Unendliche Variationen

KIs sind geniale Stücke Software, die aus riesigen Trainingsdaten die gewünschte Antwort auf den Prompt des Users auf Basis von Zusammenhängen, Statistik und Wahrscheinlichkeit errechnen. Die Antwort basiert dabei immer auf eben diesen Trainingsdaten. Das Lernen dieser Modelle ist mit dem Lernprozess eines Menschen kaum vergleichbar. Menschen kreieren auf der Basis ihrer Erfahrung Neues, mal mehr, mal weniger innovativ – aber die Ergebnisse der KIs sind auf eine Weise immer auf einen errechneten Durchschnitt ihrer Daten reduziert und beschränkt.

Ausgaben mögen manchmal den Anschein von Kreativität haben, doch der täuscht. Innovation, neue Entwicklung, Ausbrechen aus bereits Dagewesenem – das ist der KI nicht möglich. Sie ist im Prinzip ein glorifizierter Kopierer, der das Ausgangsmaterial kombiniert und verändert, um die Illusion von etwas Neuem zu schaffen, doch es ist immer nur eine Variation der ursprünglichen Quelle. Durch diese Beschränkung auf das Trainingsmaterial sind KI-Modelle immer zwei Schritte hinterher, was kulturelle Entwicklung angeht. Sie sind per Definition und durch die Art, wie sie funktionieren, immer „retro“.

Einer von uns

Einige KI-Maximalisten behaupten, dass das Training von KI-Modellen mit urheberrechtlich geschützten Materialien kein Urheberrechtsverstoß sein kann, weil es ja nichts anderes ist als das, was Menschen schon seit Jahrtausenden machen – lernen. Doch obwohl Menschen und Maschinen „lernen“, kann man das deshalb noch lange nicht gleichsetzen. Ich kann schwimmen. Ein U-Boot kann schwimmen. Sind wir deshalb vergleichbar? Absurd. Die Unfähigkeit zu wahrer Kreativität wird auch in der Wiederholung von Mustern in den KI-Ausgaben sichtbar. Bis vor kurzem noch haben aktuelle Modelle, die man gebeten hat, eine Geschichte in 10 Sätzen zu erzählen, zu 80 % eine Geschichte von einem Leuchtturmwärter mit dem Namen Elias Thorne erzählt. Das dürfte so wie die unerklärliche Häufung des Wortes „Goblin“ in manchen Modellen von ChatGPT durch Systemprompts behoben worden sein. Aber die Strukturen und die Sprache wiederholen sich, die generierten Geschichten wirken alle wie nach einer Schablone verfasst, keine bringt etwas wirklich Neues mit.

Total Model Collapse

Dass maschinelles Lernen von Grund auf anders ist, sieht man auch an einem anderen Phänomen. Menschen lernen seit Jahrtausenden auf der Basis der von anderen Menschen erstellten Inhalte. Wir haben uns dadurch bis zum heutigen Stand von Zivilisation und Technologie entwickelt. Doch wenn KIs wiederum mit KI-generierten Inhalten trainiert werden, passiert etwas Interessantes – die Qualität der Modelle bzw. deren Antworten sinkt von Generation zu Generation bis hin zum Model Collapse, dem Punkt, an dem nur noch Unsinn aus der Maschine kommt. Es ist derselbe Effekt wie bei der Kopie einer Kopie einer Kopie – vom ursprünglichen Bild ist nach mehreren Durchläufen nichts mehr zu erkennen. Es ist digitale Inzucht, an deren Ende nichts Verwertbares mehr produziert wird.

Das ist nicht nur ein theoretisches Problem – der Anteil der KI-Inhalte im Internet übersteigt längst die menschlich generierten Inhalte und das Verhältnis wird sich noch weiter in die Richtung verschieben. Doch selbst die KI kann nicht zuverlässig zwischen KI-Content und von Menschen erstellten Inhalten unterscheiden. Das Internet ist damit als Trainingspool immer schlechter, die Daten sind „vergiftet“. Anfangs konnten die großen KI-Anbieter noch sämtliche Daten aus dem Internet absaugen und sich sicher sein, dass es sich nur um feinste menschliche Trainingsdaten handelt. Diese Zeiten sind längst vorbei. In ihrer Verzweiflung kaufen sie gesamte Buchantiquariate auf, schneiden die Buchrücken maschinell und vollautomatisch ab und scannen sie in Massen.

Ist Kopieren genug?

Welche Folgen hat das für die Kommunikation eines Unternehmens? Die Frage, die sich Marketingabteilungen weltweit stellen müssen, ist: Wollen wir auf die gleiche maschinell vereinheitlichte Art kommunizieren, wie es andere auch machen, oder wollen wir uns abheben? Wollen wir direkte, authentische Kommunikation mit unseren Kunden aufbauen, unsere Marke langfristig durch die passende Sprache und einzigartige, konkrete Inhalte stärken oder reicht der Anschein echter Kommunikation? Ist es für uns ausreichend, wenn unsere Texte auf den ersten Blick als gut durchgehen, oder haben wir etwas zu sagen? Haben wir ein Bedürfnis oder sogar einen existenziellen Need, unsere Kunden zu überzeugen, ihnen unsere Leidenschaft, den wahren Wert unserer Produkte, zu vermitteln? Wollen wir im wortwörtlichen Sinn „billige“ Kommunikation? Denn früher oder später werden es auch Kunden durchschauen – was nicht wert ist, geschrieben zu werden, das ist es auch nicht wert, gelesen zu werden.

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