Meine Einstellung als Werbetexter zum Einsatz von KI
Der Klarheit und Transparenz halber ein Statement vorab: Ich setze bei der Erstellung meiner Texte keine KI-generierten Inhalte ein. Ich verurteile niemanden, der das tut, doch für meine Positionierung und mein Selbstverständnis als Kreativer war sehr bald klar, dass ich die KI nicht an meinen Kernarbeitsbereich heranlasse.
Ich habe bereits gehört, dass manche Texter dazu übergegangen sind, einen Basistext von der KI generieren zu lassen und dann von diesem Grundgerüst wegarbeiten bzw. dieses zu überarbeiten, bis es „passt“. Für mich ergibt das keinen Sinn. Würde man einem Autor vorschlagen, er soll anstatt ein Buch ganz selbst zu schreiben, mit einem vorgeschriebenen Text beginnen und diesen überarbeiten, würde er einen wohl aus seinem Schreibzimmer jagen oder für komplett übergeschnappt erklären. Wären so jemals die großen Texte der Literaturgeschichte entstanden? Wohl eher nicht. Aber für Werbetexter scheint das ein ganz akzeptables und zeitgemäßes Arbeitsmodell zu sein, wenn sie nicht überhaupt dazu übergehen sollen, den Text überhaupt nur zu prompten, ohne weitere Änderungen vorzunehmen. Die Kapitulation menschlicher Kreativität vor den Algorithmen der Maschine. Natürlich kann man diskutieren, ob Werbe- und Gebrauchstexte nun „Literatur“ darstellen – zumindest sind sie Teil unserer Kultur und Inhalte, die wir jeden Tag gewollt oder ungewollt konsumieren –, der Werbung entkommt man schließlich nicht.

KI als Tool
Erstens widerstrebt mir der Einsatz von KI zum Schreiben von Texten, weil ich als Handwerker einen gewissen Stolz auf meine Fähigkeiten, die ich mir über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg in unzähligen Aufträgen erarbeitet habe, besitze. Zweitens würde das auch auf der rein logischen, effizienzbezogenen Ebene absolut keinen Sinn ergeben. Wenn ich von meinem Qualitätsanspruch ausgehe und KI einsetzen wollte, wie würde das aussehen?
Ich müsste im Vorfeld das gleiche Maß an Recherche und Kommunikation mit meinem Kunden aufbringen – hier spare ich mir nichts. Dann müsste ich ein elaboriertes Prompt für diesen Kunden und diesen Auftrag kreieren (hier gibt es bei wiederholten Aufträgen zugegebenermaßen Skalierungseffekte, weil Teile des Prompts zu Stil usw. übernommen werden könnten) – auf Basis der Ergebnisse würde ich das Prompt wahrscheinlich mehrere Male überarbeiten und nachjustieren. Den resultierenden Text müsste ich wiederum komplett überarbeiten, damit er meinen Vorstellungen entspricht.
Aufschreiben, was bereits existiert
Und da ist der springende Punkt – bei meinen Vorstellungen. Denn nach der Vorbereitung für den Auftrag habe ich, ohne nur einen Buchstaben geschrieben zu haben, ohnehin bereits ein grobes Bild des Textes und dessen, was er leisten soll, im Kopf. Warum also den umständlichen Umweg über KI gehen, als diesen Text einfach gleich selbst niederzuschreiben?
„Ich sah den Engel im Marmor und meißelte so lange, bis ich ihn befreit hatte.“ Michelangelo Buonarroti
KI mag für einen Laien ein Wunderwerk sein, das Texte schreibt, die er so nie verfassen könnte – gekauft. Aber für einen Handwerker, der mit Sprache seit Jahren sein Geld verdient, ist es eine Krücke, ein fauler Kompromiss, eine literarische Mimikry, die nur an der Oberfläche als guter Text durchgeht, oft sogar so gut, dass sie beim Auftraggeber als guter Text „durchgeht“. Aber ist es ein guter Text? Besitzt er die Vielschichtigkeit, den Charakter, die Einzigartigkeit und die auf mehreren Ebenen gegebene Funktion als Kommunikations-, Markenbildungs- und Verkaufswerkzeug – Elemente, die von einem Laien oft nur unterbewusst wahrgenommen werden? Ich bin mir sicher, dass er das nicht sein kann.
Du Neoluddit!
Natürlich sehe ich eine gewisse Bedrohung meines Berufsstandes bzw. eine generelle Bedrohung der Wertschätzung menschlicher, kreativer Arbeit durch generative KI. Dennoch finde ich die Technologie an und für sich faszinierend und denke, dass sie zumindest das Potenzial hat, die Menschheit voranzubringen. Eines steht fest: KI wird nicht mehr verschwinden – ob gut oder schlecht, KI als Technologie wird auf Dauer Teil unseres Lebens werden bzw. bleiben. Dementsprechend verweigere ich mich der neuen Technologie auch nicht. Ich verwende KI vor allem zur Recherche, zur Strukturierung umfassender Informationen, zur Korrektur von grammatikalischen Fehlern (keine Stilkorrektur) oder zur Suche von Synonymen oder auch Zitaten – für diese Aufgaben und noch viele andere ist KI eine willkommene Unterstützung, ein „intelligentes“ Werkzeug.
Gradual de-skilling
Ein weiterer Grund, abgesehen von meiner Handwerkerehre, warum ich bei meinen Texten nicht auf KI-Unterstützung zurückgreife, ist schlicht, um mich weiter zu verbessern und vor allem nicht zu verschlechtern oder Fähigkeiten zu verlieren. Mittlerweile zeichnet sich in der Forschung ein immer klareres Bild ab – umso mehr wir uns bei der Erledigung von schöpferischen oder denkintensiven Aufgaben auf die Assistenz durch KI verlassen, umso mehr bauen unsere eigenen Fähigkeiten, diese Probleme selbst zu lösen, ab.
Dieser Verlust von Fähigkeiten zieht sich durch alle Bereiche – von Anwälten über Ärzte bis hin zu Softwareentwicklern ist jeder davon betroffen. Die eigene Kompetenz zur Problemlösung wie auch Fachwissen und Fertigkeiten bauen so graduell ab, während sich die Selbsteinschätzung der eigenen Fähigkeiten paradoxerweise eher steigert. Vereinfacht gesagt, bekommen wir durch den Einsatz von KI das subjektive Gefühl, schneller, besser und leistungsfähiger zu sein, während unser Wissen und unsere Fähigkeiten immer weiter abbauen.
Haben wir durch den Einsatz des Taschenrechners das im Kopf Rechnen zusehends verlernt bzw. nie richtig erlernt, verlernen wir durch deinen Einsatz der KI den gesamten kreativen Schaffensprozess, die Problemlösungskompetenz, das konzeptuelle Denken und die Fähigkeiten zur Beurteilung kreativer Inhalte. Bei jedem kreativen Widerstand oder Hindernis wird Denkarbeit an die künstliche Intelligenz ausgelagert. Das leere Blatt, eine schwierige Satzkonstruktion, die Erstellung ganzer Passagen, die Beurteilung von Texten – all das vertraut man dem Geist in der Maschine an. Und mit jedem Mal, wo die Entscheidung nicht auf die eigene geistige Anstrengung, sondern auf den bequemen Aufruf eines Chatbots fällt, um ein Problem zu lösen, werden wir alle ein wenig dümmer, um es salopp zu sagen. Wer kann das schon wollen?
